74. INT.

BERGISCHE

KUNSTAUSSTELLUNG

2020

Das Konstitutiv der Möglichkeiten konfrontiert die Betrachter*innen mit  schein bar einfachen Fragen und Problemen. Diese aber werden mit einer solchen Dringlichkeit ausgedrückt, dass die Auseinandersetzung zu unerwarteten Erkenntnissen und neuen Betrachtungsweisen führt. 

Es scheint, als sei der Aha-Effekt bereits in die Arbeiten des Kollektivs eingebaut. Um das Werk in seiner ganzen Tiefe zu verstehen, sind die Betrachter*innen aber auf ihre multidimensionale Aufmerksamkeit angewiesen. In der Arbeit des KdM werden Installation, Sprache und Konzept verschränkt. Ihre Wechselbeziehung öffnet sich dem Betrachter über die Entschlüsselung der symbolischen und ästhetischen Bedeutungsebenen. Die Arbeit besitzt dabei eine offene Form. Wie in einem Baukastensystem können Ansätze, Objekte und Materialien wiederholt genutzt werden. 

Es kommt vor, dass Innovationen längere Zeit im Gespräch sind und sich dabei langsam entwickeln, vielleicht für das zunächst angedachte Projekt verworfen werden, um dann zu einem späteren Zeitpunkt doch Eingang in eine Ausstellungspräsentation zu finden. 

Das bedeutet für den künstlerischen Prozess des Kollektivs, dass ein Werk niemals ganz abgeschlossen wird. Das Gesamtwerk entwickelt sich fortlaufend weiter und zieht dabei gleichwohl alles bisher Geschaffene mit. Eine besondere Kraft entwickeln die Arbeiten, wenn sie gemeinsam präsentiert werden. Das Konstitutiv der Möglichkeiten hat eine Präsentationspraxis entwickelt, bei der verschiedene Arbeiten in einer Installation integriert werden, die ganze Architekturen vereinnahmen können. Immer wieder fungieren dabei selbstgestaltete Tapeten und Böden – welche selbst schon eigenen Werkstatus besitzen –  als Bühne für eine Reihe weiterer Arbeiten. Diese Form der Ausstellungspraxis haben die beiden Künstlerinnen inzwischen selbst zu einer beeindruckenden Kunstform weiterentwickelt. So präzise und effektvoll, wie die Werke des KdM mit dem umgebenden Raum zusammenwirken, wird die kuratorische Arbeit schon mittgedacht, ihr geradezu ein Schnippchen geschlagen – alle Deutungs- und Interpretationsebenen scheinen schon belegt, der Kurator seiner darüber hinaus Sinn stiftenden Arbeit beraubt.

Raphael Nocken

HANDGEPÄCK 

FILMWERKSTATT 

DÜSSELDORF 

2020

Das Konstitutiv der Möglichkeiten arbeitet seit 2017 als Künstlerduo zusammen. Ihre kollaborative Praxis unter dem gemeinsamen Label adaptiert Formen des Brandings und Strategien der Selbstvermarktung. Sie bewegen sich zwischen Signatur und Marke, künstlerischer Identität, Wiedererkennung und marktförmiger Sichtbarkeit.

Ihre Arbeiten entstehen oft unter Rückriff auf gefundene Objekte und stellen sie gemeinsam mit figurativen Gestängen zu Szenenbildern zusammen. Die Figuren erscheinen als Platzhalter und Ständerwerk, ange- reichert mit der Melancholie der Leerstelle. Sie verbinden Elemente des Post Minimal und die Alltags- und Objektsprache des Pop, mit erzählerischen Anteilen wie sie auch beim belgischen Künstlerduo De Gruyter & Thys zu finden sind.

Die Ausstellung ist ein Warteraum für ihre Figuren und Besucher. Dass das Warten heute, in Zeiten der Pan- demie, soweit aufgeladen sein würde, hatte bei der Planung der Ausstellung im letzten Jahr noch niemand vorhergesehen. Und auch das titelgebende Handgepäck hat seine Bedeutung stark verändert und seine Freiheit verloren. Es erinnert nicht mehr an die Minimalversorgung bei Billigflügen sondern ist zum Begleiter der Wartenden geworden, deren Weiterreise auf unbestimmte Zeit verschoben ist.

Die narrative Ader der Arbeit und ihre szenische Inszenierung gab den Ausschlag für ein Zwiegespräch zwischen Kunst und Literatur, das wir mit Durs Grünbein und Heinz-Norbert Jocks am Montag den 22. Juni um 20:00 Uhr als Teil der Ausstellung weiterführen.

Das Konstitutiv der Möglichkeiten wurde im Frühjahr 2017 von den Künstlerinnen Nina Nick und Valerie Buchow gegründet. Nina Nick (*1988) studierte bei Prof. Rosemarie Trockel sowie Prof. Franka Hörnschemeyer an der Kunstakademie Düsseldorf und machte dort 2019 ihren Abschluss. Valerie Buchow (*1987) studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Didier Vermeiren, Prof. Jürgen Drescher sowie Prof. Martin Gostner, wo sie ebenfalls 2019 abschloss. Ihre Arbeiten wurden u.a. in der Kunsthalle Düsseldorf, Malkasten und K21 Düsseldorf sowie bei Gold und Beton in Köln ausgestellt.

Jan Wagner